Im 1. Teil dieser Artikelreihe hatte ich schon erwähnt, dass das Werk „Der Untergang des Römischen Reiches“ von Michael Grant ein Vorwort von Golo Mann enthält. Golo Mann, der Sohn Thomas Manns, war ein konservativer Historiker, der in den 50ger bis 90ger Jahren des 20. Jahrhunderts publizierte.
Im Rahmen seines Vorwortes aktualisiert Mann die hauptsächlichen Inhalte des Werks von Michael Grant.
Ich bezeichne diese Aktualisierungen Manns hier im Folgenden als „Lehren“. Zwischen diese Lehren habe ich Anmerkungen oder kleine Kommentare eingefügt, die aufzeigen sollen, dass diese Lehren für uns heute sehr wohl aktuell sein können.
Lehre 1:
„Das Heer hätte, wie in der guten alten Zeit, ein Bürgerheer sein müssen, geführt von loyalen Bürgern, nicht ein Heer teils von Söldnern, teils von widerwillig Hineingezwungenen, teils sogar von Nicht-Römern, von Germanen.“
Wenn man die Tendenzen der Demographie zugrundelegt, so könnten in etwa 20 Jahren die nationalen Streitkräfte in NATO-Europa auch große Teile von Zugewanderten enthalten. Es hängt dann von der Integration bis zu diesem Zeitpunkt ab, ob diese Streitkräfte dann noch in Stresssituationen den Regierungen ihres europäischen Landes folgen oder ob ihre Neigungen anderen Staaten oder Ideologien gelten werden.
Lehre 2:
„Ohne ein gerechtes, wirksames Steuersystem läßt kein Reich, keine Gesellschaft sich verteidigen, am allerwenigsten in gefährlichen Zeiten, wie das 4. und 5. Jahrhundert für Rom waren.“
(siehe hierzu meinen Kommentar weiter unten zu den ökonomischen Faktoren)
Lehre 3:
„Die Beamtenschaft einer entwickelten Gesellschaft muß zahlenmäßig in vernünftigen Grenzen gehalten werden; als Stand bedarf sie eines besonderen Pflicht- und Ehrgefühls.“
Mit dem „Pflicht- und Ehrgefühl“ ist bei Golo Mann keine Elite gemeint, die sich über die Gesellschaft erhebt, sich von ihr isoliert und einen ‚Staat im Staate‘ bildet. Denn dann hätte man genau das erzielt, was ja an der römischen Beamtenschaft der späten Kaiserzeit zu kritisieren war. – Gemeint im heutigen Sprachgebrauch ist eher ein bestimmter Verhaltenskodex, der demokratisch zu kontrollieren wäre.
Lehre 4:
„Verraten die Reichen die große Mehrheit ihrer Landsleute, dann verraten sie auf die Dauer auch sich selber; durch zynischen Egoismus können sie sich nur für kurze Zeit retten.“
(siehe hierzu meinen Kommentar weiter unten zu den ökonomischen Faktoren)
Lehre 5:
„Religion ist dem Menschen natürlich und lebenswichtig. Sie darf ihn aber nicht so weit beherrschen, dass er über ihr die Aufgaben dieser unserer Welt ignoriert und verachtet. Andernfalls wird es zuletzt sogar seiner eigenen Religion übel ergehen.“
Große Teile der europäischen Gesellschaften, die früher christlich geprägt waren, huldigen heute der säkularen Religion des Individualismus. Wer aber den Individualismus übersteigert und „die Aufgaben dieser unserer Welt ignoriert und verachtet“, wiederholt aus entgegengesetzter Richtung den Fehler der religiösen Fanatiker der römischen Kaiserzeit.
Lehre 6:
„Religiöse Streitereien sind nocm im besten Fall fruchtlos und lähmend, eine Vergeudung von Energien. Toleranz tut Staat und Gesellschaft besser als Intoleranz.“
Im Gegensatz zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der die innenpolitische Rolle von Religion immer mehr abnahm, ist im jetzigen Jahrhundert durch die Einwanderung stark religiös gebundener Menschen die Gefahr einer Einflussnahme von Religion auf Leben und Politik gewachsen.
Zusammenfassung
Wenn man sich mit Themen wie dem „Untergang des römischen Reiches“ beschäftigt, so „trainiert“ man sein Bewusstsein anhand der Erfahrungen aus der Tiefe des hist Erfahrungsraumes.
Persönliche Ergänzung
Ich möchte diese Lehren noch zweifach ergänzen, Die erstere Lehre wäre über das Zentrum der politischen Macht. Golo Mann hat hierzu nichts extra gesagt, weil die Problematik des spätrömischen Kaisers im gesamten Werk Grants dauernd vorkommt und somit dort überreichlich beantwortet ist.
Die andere Lehre wäre aus meiner Sicht über den Einfluss von ökonomischen Faktoren auf das Verhalten der Menschen.
Zum Zentrum der politischen Macht
Vieles in EU-Europa und den USA wird heute von der jetzigen Demokratie nicht mehr gelöst. Dies ist jedoch kein Argument gegen Demokratie, sie muss nur neu angepasst werden. Denn: Eine Machtkonzentration in einer Hand bei Niedergang aller gesellschaftlichen Gegengewichte, wie dies im spätrömischen Reich der Fall war, führt nur zu Putschversuchen und abrupten Regierungswechseln und natürlich zu Korruption. Das heutige „Imperium“ der USA mit seinem fast lächerlichen Übergewicht des Präsidenten ist gerade heutzutage eine deutliche Warnung.
Zum Einfluss ökonomischer Faktoren auf das Verhalten der Menschen
In den „Lehren“ Golo Manns deuten ja zwei Lehren auf die ungehemmtes Besitzstreben hin: Mann erwähnt explizit die Gier der „Reichen“ und das ungerechte Steuersystem. Beides ist auch in unseren Gesellschaften zu beobachten: Jedwede Statistik über die Einkommensverteilung belegt die immer größere Konzentration von Reichtum bei Wenigen. Und wer meint, dass unser Steuersystem nur deshalb in Ordnung wäre, weil ich als Steuerzahler hier in unserem Land den Finanzbeamten nicht bestechen muss oder kann, der sollte entweder an die schlechte Ausstattung der Finanzämter zur Verfolgung von Wirtschaftskriminalität denken oder – besser noch:
Einfach das Buch des früheren NRW-Finanzministers Walter-Borjans mit dem Titel: „Steuern – der große Bluff“ lesen.
Ich würde zusammenfassend noch weiter gehen, denn gewisse Gedanken und Begriffe waren ja für Golo Mann tabu: Der Kapitalismus in seiner jetzigen internationalen Ausprägung dient weder den sozialen Bedüfnissen der Mehrheit der Weltbevölkerung noch schützt er die Schöpfung.
250 Jahre nach Adam Smith müsste uns doch etwas Gerechteres einfallen, etwas, was trotzdem effektiv und innovativ ist!