Am 1. April 2026 verkündete der jetzige US-Präsident, dass er auch einen Austritt aus der NATO für möglich halte.
Natürlich ist dies im Kontext der schon gewohnten Taktik dieses Mannes zu verstehen: Drohung und Lockung bzw. Lockerung der Drohung. Der Mann hat diese Taktik als Immobilien-Kapitalist verinnerlicht. Insofern nichts Neues.
Neu ist, dass hier von höchster Stelle eine Möglichkeit ausgesprochen wurde, die auch dann weiter „im Raum stehen“ bleiben wird, wenn der Mann gar nicht mehr Präsident sein sollte. Das ergibt sich schon daraus, dass die Gegner der NATO hier sehen, dass ihre eigenen Schritte Wirkung zeigen.
Stil und Wortwahl möchte ich hier gar nicht kommentieren. – Auch ist mir bewusst, dass das Auseinanderdriften der beiden NATO-Teile nicht nur der Willkür und Sprunghaftigkeit dieses Präsidenten entspringt, sondern der durch den Aufstieg Chinas begründeten Westorientierung der USA wie der Ostorientierung der europäischen NATO-Länder, kurz: NATO-Europa.
Ich möchte die Gefahren des Auseinanderdriftens durch ein historisches Beispiel beleuchten, also die Tiefe des historischen Erfahrungsraumes nutzen, um die Sinne zu schärfen. Das Beispiel wäre die Teilung des römischen Kaiserreiches in Westrom und Ostrom. Beide Teile wurden jeweils regiert von einem Kaiser, der natürlich die Interessen seines Teil-Reiches vor dem Zusammenhalt des Gesamt-Reiches verfolgte.
Was da genau passierte, kann jeder Interessierte in vielen Darstellungen verfolgen.
Ich möchte Ihnen das präsentieren, was der bekannte britische Historiker Michael Grant schon Mitte der 70ger Jahre des letzten Jahrhunderts zum Thema schrieb, und zwar in seinem Buch „Der Untergang des Römischen Reiches“. Das Kapitel zum Thema der Reichsteilung selbst ist 12 Seiten lang und gibt eine Überblick über die trennenden Faktoren von ca. 370 n.Chr. bis 476 n.Chr. Eingangs sagt Grant:
„Eine weitere entscheidende und die allgemeine Auflösung begünstigende Kluft, die den Untergang des Imperiums beschleunigt hat, war politischer und geographischer Natur, denn das Imperium war, wie sich zeigte, zu seinem Unglück in zwei Hälften aufgeteilt, jede wurde von einem Kaiser regiert. Einer residierte im Westen, der andere im Osten. Wenn wir heute das Westreich mit Westeuropa und das in größerem Wohlstand lebende Ostreich mit den Vereinigten Staaten von Amerika vergleichen, dann muss uns die Tatsahce, dass sich die beiden Partner in der Antike nicht einigen konnten, eine unübersehbare Warnung sein.“ (S. 158)
Zwischenbemerkung:
Was in der Antike das Mittelmeer war, ist für NATO der Atlantik. In der frühen römischen Kaiserzeit war das Mittelmeer von einer einzigen Macht beherrscht; bis vor kurzem war der Atlantik von einem einzigen Bündnis beherrscht.
Aber lassen wir Grant weiter am Ende des Kapitels resümieren:
„Westrom hatte aufgehört zu bestehen. Ostrom überlebte, aber nach dem Untergang des Westreiches war dieses Überleben nur noch beschränkt möglich. Die antike römische Welt war auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Einer der Gründe dafür, dass die historische klassische Kultur zerfiel, war, wie Gibbon richtig sagt, die Tatsache, dass die beiden ehemaligen Hälften des Reichs in ihrem Zusammenwirken kläglich versagt hatten. In unserer Zeit würde ein ähnlich verhängnisvoller Bruch zwischen Amerika und Westeuropa den Untergang des letzteren zur Folge haben, denn auch Westeuropa ist der schwächere Bündnispartner.“(S. 170 )
Zwischenbemerkung:
Historische Beispiele schärfen den Blick für Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Epochen, sie sind nicht als platte Gleichsetzungen zu verstehen.
Genau dies sieht man an der gerade zitierten Prophezeiung Grants, Westeuropa würde untergehen. Nun, Grant schrieb Mitte der 70ger Jahre – Westeuropa reichte gerade einmal bis zur Elbe. Heute umfasst NATO-Europa West-, Mittel-, und Osteuropa bis zum Bug, ja sogar in Gestalt der baltischen Staaten bis kurz vor Petersburg. Es könnte sehr wohl sein, dass ein NATO-Europa, das selbstständig wird und seine Konflikte mit dem europäischen Russland entschärft, dass also ein solches Europa länger überlebt als die innerlich extrem zerrissenen USA. Man denke an deren Verschuldung, die Rassenkonflikte, die Glaubenskonflikte, schließlich auch deren föderalen Charakter aus Einzelstaaten, die sich keinesfalls der Zentralregierung unterwerfen. Schließlich ist der Aufstieg Trumps das Ergebnis dieser inneren Zerrissenheit und außenpolitischen Überforderung. (Ich hatte darüber in meinem Artikel „Trumps USA und Caesars Rom: Es gibt Ähnlichkeiten!“ vom November 2024 geschrieben.)
Natürlich hat auch NATO-Europa die Verschuldung, die Konflikte zwischen den Nationen und den Zuwanderern, hat den föderalen Charakter. Es ist aber gerade wegen seiner Landgrenze mit dem schwierigen Partner Russland gezwungen diese Konflikte eher zu überwinden als die auf zwei Seiten vom Ozean gesicherten USA.
Hier ein historisches Beispiel dafür, dass eine Gefahr auch zusammenschweißen kann – ein historisches Beispiel zur Illustration des Gemeinten: Deutschland und Frankreich zählten (sich) zu „Erbfeinden“ nach all den Kriegen seit dem 17. Jahrhundert bis 1945. Sie fanden zusammen angesichts der Drohung der nahen Sowjetunion, zunächst durch das Einverständnis der beiden Weltkriegsveteranen de Gaulle und Adenauer, sodann weiter auf zwischenstaatlichen Grundlagen bis in die Gegenwart.
Aber zurück zu Rom! Mein Resumée dieses kurzen historischen Vergleichs zwischen Rom und der NATO heute:
Die Tatsache, dass da von den momentan stärker gerüsteten USA die Spaltung an-geredet wird, muss als ein Signal des Aufwachens sehr ernst genommen werden. Es ist aber keinesfalls ein Grund sich in Untergangsstimmung zu flüchten oder ins Gegenteil: in unbegrenzte, schuldenfinanzierte Aufrüstung von NATO-Europa, da dies zum inneren Verfall dieses Teil-Bündnisses führen würde.
Auch dafür ist das römische Reich ein Beispiel:
Der wesentliche innenpolitische Grund für den Niedergang des Römischen Kaiserreiches war die Steuerbelastung zur Finanzierung der Armee und der aufgeblasenen Bürokratie.
Ausblick
In einem zweiten Artikel zu diesem Thema möchte ich Ihnen demnächst die Aktualisierungen präsentieren, die der konservative deutsche Historiker Golo Mann als Vorwort zu Michael Grants Buch formulierte.