„Eli from Russia“ ist eine Video-Sequenz mit unendlich vielen Geschichten, die man sich auf youtube ansehen kann. Achtung: Eli macht Propaganda für Russland, und zwar gar nicht ungeschickt, indem sie meist Themen wählt, die man unter „soft power“ gruppieren könnte: Sitten u Gebräuche, Spezifika der Regionen. Laut youtube folgen fast 1 Million Leute ihr als „follower“.
Kürzlich stieß ich auf eine Folge, die mich angesichts der aktuelle Lage zwischen EU-Europa und Russland zu diesen Gedanken hier anregte.1Denn die jetzige Grundfrage lautet doch: Gibt es noch eine Chance auf das „europäische Haus“, das natürlich auch in irgendeiner Form Russland beinhaltet?
Ich halte die Informationen, die man dem Video entnehmen kann, für äußerst wichtig:
Wir sind ja jetzt im Februar 2026 in einer Situation, in der EU-Europa immer weniger auf den „Schutz“ der USA zählen kann. Rüstungsbefürworter entwickeln daraus das Ziel der militärischen Souveränität von EU-Europa. Hierfür müssten nach deren Meinung alle europäischen NATO-Mitglieder 5% ihres Bruttosozialproduktes für die Rüstung ausgeben.
Wenn man nicht der Meinung der Propagandisten einer Aufrüstung dieser Art ist, ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob nicht eine Normalisierung des Verhältnisses von EU-Europa zu Russland es uns ersparen könnte, diesen finanziell und militärisch extrem risikoreichen Weg einzuschlagen.
Ich meine, dass eine Auswertung des Eli-Videos genau diese Normalisierung nahelegen könnte.
Aber zunächst zu Umfang und Richtung des Videos:
Da interviewt diese Kreml-Propagandistin doch reihenweise russische Jugendliche, insgesamt 18, davon 12 Frauen. Anlass ist wohl, wie Eli im Vorspann erwähnt, das Bevölkerungsproblem. Eli sagt, dass 800 000 Russen jährlich auswanderten; sie nennt eine UNO-Prognose, dass bis 2050 die Bevölkerung Russlands um ein Drittel zurückgehen könne. – Und auf diesem Hintergrund folgen dann die Interviews mit den Jugendlichen.2
Hier meine Auswertung, in der ich der Lesbarkeit halber nur die Hauptaussagen aufliste.
Vier der 18 Befragten sprechen ausdrücklich davon, dass sie europäische Länder näher kennenlernen möchten bzw. dort eine Zeitspanne bis zu einem Jahr leben wollten, nur einer nennt China, einer die USA. Einige weiterer Befragte nennen die Niederlande, Georgien, Zypern und Armenien. Eine Frau erwähnt ausdrücklich den engen Horizont in Russland.
Insgesamt wird deutlich, dass gut ein Drittel der Befragten explizit mit Neugier nach dem „Rest Europas“ (Präsident Macron, Anfang Februar 2022) schaut.
Dem gegenüber beklagen sich vier Teilnehmer über das Verhältnis der Russen untereinander, wobei einer die Begriffe „frustration“ und „depression“ nennt. Ebenfalls vier Befragte äußern sich negativ über die Regierung bzw. das politische System, ein weiterer hätte gern einen 4-jährigen Wechsel der Regierung. Eine Frau beklagt das obrigkeitliche Verhältnis der Regierenden gegenüber den Bürgern.
Daraus, dass zwei Frauen explizit von „Korruption“ sprechen, schließe ich übrigens, dass das Video kaum propagandistische Absichten verfolgt und – soweit man seine Entstehung dem Video entnehmen kann – authentisch ist.
Man könnte also aus diesen Ergebnissen folgern, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl von RussInnen Sehnsucht nach Europa bzw. nach einer Erweiterung ihrer Möglichkeiten haben. Ob dieser Wunsch nach vier Jahren der Auseinandersetzung mit der NATO immer noch so besteht, kann von hier aus nicht beantwortet werden. Ich gehe aber davon aus, dass selbst dann, wenn RussInnen ihren Medien folgend den „Rest Europas“ als Feinde ansehen, die Sehnsucht nach einer Vergrößerung ihrer Lebensmöglichkeiten beim kleinsten Nachlassen der Feindschaft wieder aufleben dürfte. Ich habe im Video kein Anzeichen dafür entdeckt, dass man sich komplett in den Lebensentwürfen nach China oder etwa Nordkorea orientiert. – Hier sei noch erwähnt, dass nur drei der Befragten sich begeistert über Russland insgesamt oder wenigstens ein Kriterium in Russland äußerten, wie etwa die schönen Winter, die Übersichtlichkeit oder die gute Medizin.3
Nur eine Normalisierung könnte den ungeheuren Druck von dieser Generation junger RussInnen nehmen ein „gutes Leben“ zu opfern für die Aufrechterhaltung einer Pose als gefährdete (Atom-)Supermacht. Nur eine Entspannung im Verhältnis auf diesem Kontinent kann den Bürgern Russlands die Chance geben sich von den Einkreisungsängsten zu befreien. Das aber ist die Voraussetzung dafür, dass das Übergewicht des Staates zugunsten von mehr Freiheit für die Bürger eingeschränkt werden kann.
Der Entspannungsprozess der 70ger und 80ger Jahre des vorigen Jahrhunderts illustriert, was ich hier beschreibe: Nur ein Nachlassen des Drucks von außen führt zu erfolgversprechenden Freiheitsbestrebungen im Innern.
Und übrigens:
Das Problem Russlands mit der Bevölkerungsanzahl, welches Eli eingangs ansprach, dürfte auch die Regierung des Landes dazu bewegen, sich auf ein gesamt-europäisches Arrangement einzulassen. Der Krieg selbst hat jedenfalls das Problem nicht gemindert, da ja Tausende junger Männer getötet, verwundet wurden oder lange Zeit nicht zu Hause waren.
Das Überleben des Kontinents hängt davon ab, dass wir Europäer – und zwar alle Europäer – einen modus vivendi, eine Art des Zusammenlebens, finden.
Lassen Sie uns immer daran denken, was Helmut Schmidt einst in einem Fernsehinterview anmahnte: Russland wird auch dann noch ein Nachbar sein, wenn es das jetzige westliche Bündnis nicht mehr gibt.
Durch die Trump-Administration könnte dieser Zeitpunkt nähergerückt sein. Europa muss jenseits der Gewalt-Logik antworten!
1 Titel des Video: „Would you move abroad?“ Untertitel auf der youtube-Seite:“Why Russia is shrinking? | Population decline problem“
Zu finden bei youtube unter diesem Link
2 Das Video ist nach der Angabe auf der youtube-Seite 4 Jahre alt. Ich konnte dort nicht feststellen, ob das Video vor oder nach dem Einmarsch in die Ukraine aufgenommen wurde. Es zeigt kaltes Klima, aber keinen hohen Schnee; die Leute sind warm angezogen. Ich vermute daher, dass es etwa im März 2022 aufgenommen wurde. Der Einmarsch selbst ist allerdings bei niemandem ein Thema, dürfte aber die Atmosphäre (und das Thema der Emigration) mitbestimmt haben; wir erinnern uns daran, dass gerade nach Kriegsbeginn viele RussInnen auswanderten.
3Zur methodischen Klarheit sei gesagt, dass ich hier nicht wie in einem Forschungsprogramm exakt unterscheide zwischen denen, die pauschal ihre Liebe zu Russland ausdrückten, und denen, die nur Teilbereiche hervorhoben. Es ging mir um Tendenzen, und mehr darf man aus der Untersuchung eines Videos ja auch nicht ableiten.