Im Osten nichts Neues (?)


7.1.2026

Ein Essay zur Standortbestimmung

Immer seltener werden die Berichte in den öffentlich-rechtlichen Medien über den eigentlichen Kriegsverlauf, also das Militärische. Die Nachrichten über die diplomatischen Handlungen sind kaum noch durchschaubar, da immer neue „Punkte“ (= Vertragsentwürfe) von immer neuen Parteien-Konstellationen mit immer unterschiedlichen politischen Gewichten an immer neuen Orten verhandelt werden, während der Krieg sich langsam weiterfrisst.

Kaum jemand aus der breiten Bevölkerung kommt da noch mit bzw. will diese traurigen Entwicklungen noch weiter verfolgen oder kann sie nervlich ertragen.

Ich meine: Es lohnt sich da eine Zwischenbilanz zu ziehen und festzustellen, ob und wie sich das Ganze einfach so erschöpfend weiterschleppen wird; und ob es da auch Hoffnung auf vernünftige Auswege gibt.

Zunächst einmal zu einer Heuchelei: Die Regierung der Ukraine verlangt zuerst einen Waffenstillstand; das Publikum ohne Wissen um Vergleichsgegenstände applaudiert sofort, denn es ist ja für den ‚gesunden Menschenverstand‘ logisch, dass zunächst die „Waffen schweigen“ müssten, bevor man den Frieden verhandelt. Genau diesen Waffenstillstand jedoch verweigert Russland, also könnte man denken, dass Russland weiter so ein böser Aggressor ist. Nun, Russland handelt so, weil man dort genau weiß, dass die Ukraine mit ihrer schwer bedrängten Front einfach Zeit gewinnen will. Kurzfristig will sie die Front stabilisieren und Zeit gewinnen, denn: mittel- und langfristig hofft man mit Hilfe der drei europäischen Verbündeten den Kriegsverlauf umdrehen zu können. Beweis? Die Vereinbarung von Merz und Selenskij zum Bau einer Fabrik in Ukraine für die Produktion weitreichender Waffen – weitreichend heißt hier: bis weit nach Russland hinein – eine Art ukrainischer Taurus.

Überhaupt wollen die Ukraine und ihre EU-europäischen Verbündeten Zeit gewinnen: Die 90 Milliarden-Kredite sollen die Ukraine noch zwei Jahre befähigen den Krieg weiterzuführen. Danach werden einige der Rüstungsprogramme der europäischen Verbündeten so weit fortgeschritten sein, dass man dort glauben wird aktiv in den Konflikt eingreifen zu können. Beweis: Die Rüstungsprogramme Deutschlands, kulminierend in einem „Iron Dome“; seine Bemühungen um Kriegsfähigkeit im Innern, also das Programm: „Operationsplan Deutschland“; die Aufrüstung Polens zur größten oder zweitgrößten Armee Europas; der französische Neubau eines atomgetriebenen Flugzeugträgers trotz des Staatsbankrotts.

Ich vermute, dass Sie jetzt merken, dass ich all dies als „abenteuerlich“ bezeichne. Ja richtig, denn ich meine: Zuerst muss vor der eigenen Tür gekehrt werden, dann kann man sich – möglicherweise – in eine Auseinandersetzung mit einer europäisch-asiatischen Atom-Weltmacht begeben. Vorher nicht! Vorher ist Diplomatie und Rüstungskontrolle angesagt, damit all diese Weltuntergangs-Rüstungs-Programme gar nicht erst vollendet werden – denn im Zustand der Vollendung müssten sie sich amortisieren.

Schon diese weiteren zwei Merkmale sollten zum Innehalten mahnen:

Die Ukraine kann man finanziell und logistisch noch einige Zeit befähigen den Krieg weiterzuführen. Eines allerdings kann EU-Europa kaum: Den Soldatenmangel der Ukraine beheben. Dieser ist die eigentliche Achillesferse für die UKraine. Laut Oberst Reisner vom österreichischen Generalstab erkaufte sich UA mittlerweile die Dienste von ca. 10 000 Söldnern aus Mittel- und Südamerika. Nota bene: Söldner sind teuer – das wusste man schon zur Zeit von Hannibal! Ebenfalls laut Reisner werden in der Ukraine junge Männer von Presskommandos gejagt – während gleichzeitig andere junge Männer noch ausreisen dürfen bzw. durften.

All diese Erscheinungen zeigen, dass ein Zusammenbruch der Front schnell erfolgen kann, wenn der „Nachschub“ an Menschen nicht mehr reicht bzw. wenn den an die Front Verschickten die Nerven versagen sollten. Die Ukraine hat unter ihrer jetzigen Führung schon öfter auf einen Siegfrieden gesetzt – sie hat ebenso oft einen Kompromiss verpasst, der für sie bei besserer Kriegslage leichter erreichbar gewesen wäre.

Das Verhalten der kaiserlichen deutschen Regierung 1917 und 1918 sollte Mahnung genug sein: Zuerst Siegfriedens-Kurs bis zur völligen eigenen Erschöpfung, dann Ludendorffs Nervenzusammenbruch mit nachfolgendem hektischem Waffenstillstandsgesuch.

Sie könnten nun meinen, dass ich hier einseitig gegen die Ukraine Stellung beziehe. Mitnichten!

Meine These: Falls Russland Krieg mit Geländegewinnen und einem Verzicht der Ukraine auf NATO-Mitgliedschaft abschließt, so wäre es weiter eine starke Regionalmacht. Es ist durch seine Atomwaffen auch noch Weltmacht, aber nur in diesem einen Sektor. Weder in der Luft noch auf dem Wasser kann es den USA und auch China nicht gleichkommen.

Politisch jedoch ist Russland der große Verlierer des von ihm begonnenen Krieges: Die zu schützende Front hat sich durch den NATO-Beitritt von Schweden und Finnland um über 1000 km verlängert.In allen NATO-Staaten laufen teure Rüstungsprogramme, denen Russland durch eigene Rüstungen auch ohne Krieg entgegenwirken müsste – eine lange, unerträgliche Belastung des Budgets und der Bevölkerung.

Russland hat durch den Wegfall des Verbündeten Syrien keinen einzigen befreundeten Staat mehr im Mittelmeer. Das Mittelmeer ist jetzt gleichsam ein mare clausum für Russland, welches seit Zarin Katharina genau um den Zugang zu diesem Meer viele Kriege geführt hat.

Schon im 2. Jahr des Ukraine-Krieges konnte Russland seiner Rolle als Schutzmacht Armeniens nicht mehr gerecht werden. Es droht auch dort an seiner Südflanke an Einfluss zu verlieren.

Auch fehlte ihm die Kraft die neue US-Aggression gegen Venezuela zu verhindern – kaum jemand in Mittel- und Südamerika wird noch auf russischen Beistand hoffen. Beistand könnte diesen Ländern vielleicht noch China leisten. Und hiermit bin ich beim letzten negativen Resultat für Russland:

Was all dies für uns bedeutet:

Europa als Ganzes stärken, nicht gegen Russland, sondern mit Russland, in dem Doppelhaus Europa. Russland ist dabei Bewohner der zweiten Doppelhaushälfte. Links und rechts des Doppelhauses bauen andere Länder große Wolkenkratzer, die Bewohner des Doppelhauses müssen daher befürchten, dass ihr Haus nach Fertigstellung der Wolkenkratzer im Schatten liegt.

Aber genug des Bildes!

Es kann nicht Russlands Interesse sein langfristig ein Vasall der Asiaten zu werden. Dies zu verhindern, wird es auch Spielregeln im Dpppelhaus Europa akzeptieren. Es muss „nur“ eine vernünftige Hausordnung auf Augenhöhe erstellt werden.

Im Moment baut EU-Europa dafür keine goldenen Brücken – es wirft sein Gold eher zum Fenster heraus.

Wer noch weiter in der skizzierten Richtung denken will, lese den Artikel von Thomas Fassbender in der BZ vom 22.12.25, auf Seite 18.